Pflege – Stiefkind der Nation?

von Jochem Kalmbacher13315522_598537513647232_8268365004580037363_n

Seit über 20 Jahren habe ich jetzt meinen ambulanten Pflegedienst in Hessen. Und genauso lange glaube ich, dass etwas nicht stimmt.Vor 20 Jahren habe ich mein Staatsexamen gemacht und danach einen Pflegedienst im Rhein-Main-Gebiet gegründet. Bis heute habe ich das System im Gesundheitswesen noch nicht vollständig verstanden.

Pflege wird ein immer wichtigerer Wirtschaftsfaktor. Aber wertgeschätzt oder angemessen bezahlt wird diese bei weitem nicht.Die Pflege ist eine Dienstleistung, die auch in Zukunft immer wichtiger wird. Doch an den Gehältern gemessen haben Pflegemitarbeiter kein sehr hohes Ansehen. Daher ist es verständlich, dass der Drang auf diese Arbeitsplätze stetig nachlässt.

Was würde passieren, wenn es plötzlich keine qualifizierten Pfleger, Pflegehelfer und Krankenschwestern mehr gäbe, die die Versorgung von ambulanten und stationären Patienten übernehmen? Das Gesundheitssystem, wie wir es kennen, würde komplett zusammenbrechen.Was für mich absolut nicht nachvollziehbar ist, ist dass Menschen, die wenig oder gar keinen Bezug oder Wissen darüber haben, wie sich die Pflege aufbaut oder sich der Alltag in dieser Branche gestaltet, darüber entscheiden, wie wir sie umzusetzen haben. Es scheint, dass diejenigen, die für die Reformen zuständig sind, wenig mit der Praxis zu tun hatten. Der eigentliche Sinn unserer Arbeit ist es zu pflegen. Die Ausführung unserer Arbeit wird aber immer mehr durch bürokratische Vorschriften aufgehalten, da wir zu immer strengeren Dokumentationen verpflichtet sind.

Ich habe mich vor langer Zeit dazu entschieden in die Pflege zu gehen, um den Menschen zu helfen. Jetzt als Pflegedienstleiter fällt mir auf, dass der pflegebedürftige Mensch nicht an erster Stelle steht. Stattdessen setze ich mich mit der deutschen Bürokratie und den Gesetzen, den Krankenkassen und den Ärzten auseinander und halte jetzt auch noch Schulungen ab, in denen ich meinen Mitarbeitern die Dokumentation beibringe. Das hält mich zu 80 % in der Verwaltung fest. Dazu kommt noch der jährliche Besuch des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Dieser überprüft die Vorgaben des Gesetzgebers und die zahlreichen Änderungen der letzten Jahre. Der damit verbundene Aufwand überschreitet den zeitlichen Einsatz für die Pflege bei weitem.

Die sich ständig ändernde Gesetzeslage führt bei den Pflegebedürftigen und den Pflegern zu Unsicherheit. Es treten unangemessene Forderungen seitens der Pflegebedürftigen auf, auf die die Pfleger nicht immer angemessen reagieren können. Die Zeit ist zu knapp bemessen, um den Sachverhalt ausreichend klären zu können. Die Handgriffe werden nur nach einem standardisierten Katalog bezahlt. Individuelle Bedürfnisse können nicht berücksichtigt werden.

Ich bin dafür, dass wir uns mit allen Zuständigen in der Gesundheitsbranche, wie Vorstände, Krankenkassen etc., zusammensetzen und uns etwas einfallen lassen. Denn so wie es jetzt läuft, kann es in Zukunft nicht weitergehen. Weder mit diesen Vorschriften noch mit dieser Bezahlung.

Ich als Violetter Politiker sehe, dass die Gesetze eine Überholung benötigen. Dazu braucht man Fachleute, die direkt mit der Branche zu tun haben und sich auch in der praktischen Ausführung auskennen.

Eine angemessene Entlohnung ist wichtig für eine Zukunft des Berufes. Die Arbeit in der Pflege ist teilweise sehr hart und menschlich anspruchsvoll. Sie ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft und muss angemessen honoriert werden. Die Versorgung von Pflegebedürftigen ist in erster Linie Aufgabe des Staates und nicht Privatsache. Jedem Menschen stehen die gleichen Pflegeleistungen zu. Wünschenswert wäre eine größere Mitbestimmung der Patienten an Ihrer Versorgung und mehr Einrichtungen, in denen sich ältere Menschen selbst versorgen können.

Es gibt zurzeit viel Missbrauch in der Pflege, der mit dem Gehaltsgefälle in Europa zusammenhängt. Wir müssen uns fragen, was uns eine gute Pflege in Deutschland wert ist und was wir dafür tun können, dass der Beruf mehr Anerkennung erfährt.

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