Nachhaltigkeit – Vortrag von Nico Paech

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Bericht über den Vortrag von Niko Paech in Darmstadt

 

Am 24.02.2015 gab es in Darmstadt einen brillianten brillanten Vortrag von Herrn Prof. Dr. Niko Paech. Aus den Medien ist der Professor der Oldenburger Universität vor allem als Verfechter der Postwachstumsökonomie bekannt..

Dass der Raum des Offenen Hauses in Darmstadt übervoll war kann, wie unter den Mit-Zuhörern geraunt wurde, als „Kampfansage an das vorherrschende Wirtschaftssystem“ gewertet werden.

Das Plakat mit Aufruf zur ökumenischen Aktion „Autofasten“ www.autofasten.de/ noch vor dem Eingang war thematisch ebenfalls dazu passend 😉

Herr Prof. Paech ging zuerst kurz auf die Quellen zum Thema Nachhaltigkeit ein, wie

– Bericht von Club of Rome “Limits to Growth“, 1972, seitdem spricht man aber von “alten” und “neuen” Wachstumsgrenzen

– Buch von Herrn E.F. Schumacher „Small is beautiful“, 1973 – in deutscher Übersetzung „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“

– Theorien von Herrn Erich Fromm

Mit den Thesen vom “qualitativen“, „grünen Wachstum“ u.a. von Herrn Erhard Eppler setzte der Referent sich eher kritisch auseinander, da dieses thermodynamisch zum „ökologischen Null-Tarif“ nicht möglich, und die Entkopplung vom reellen, auch ökologischen Preis irreführend sei.

Heterodoxe (=unorthodoxe) Ökonomie muss also her.

In der Gesellschaft ist jedoch nach wie vor “Steigerungsimperativ” in allem vorherrschend z.B. immer wieder das neuestes Smartphone, Auto, mehr Kleidung, Urlaube etc., also jede Art der Selbstverwirklichung. Auch im Gesundheits- und Bildungsbereich erleben wir eine fortwährende Steigerung der Möglichkeiten.

Dies stößt jedoch an seine Grenzen auf mindestens 4 Ebenen:

1) „Peak everything“ – historisch ist die Verknappung an allen Ressourcen – Flächen, Mineralien, Trinkwasser etc., davon am bekanntesten Rohöl, ohne welches jedoch nichts an Wohlstand produzierbar ist. Dessen ökologisch schwerwiegende Verarbeitung wird deshalb z.B. nach China ausgelagert, und der Versuch, die ökonomische Knappheit durch Fracking-Technologien etc. auszugleichen, ist nichts Anderes als „letzter Amoklauf“ vor dem unabwendbaren „Ende der fossilen Ära“. Die Fracking-Firmen sind bereits jetzt durch den künstlich niedrigen Ölpreis bankrott oder hoch verschuldet, spätere unweigerliche Steigerung der Preise für Rohöl und somit für alles Andere trifft uns alle. Leider haben wir es bisher versäumt, eine Autonomie von Rohstoffen zu schaffen.

Bei Lösungsvorschlägen wie „Passivhaus“ soll auch die Auswirkung der Baustoffe und deren Verarbeitung, sowie die Knappheit an Flächen berücksichtigt werden, deswegen wäre eine „Sanierungsoffensive“ besser.

2) „ökologische Grenze“ – oft hört man von der Energiewende (=Klimaschutz), die aber durch den Ausbau der benötigten Anlagen wiederum Naturschutz untergräbt. Die CO2-Emissionen in Deutschland sind außerdem bis 1% wenn überhaupt, dann deshalb gesunken, weil viel Produktion ausgelagert wurde und u.a. Auslandsaufenthalte beruflicher oder privater Natur gestiegen sind. Es werden sogar nach wie vor Braun- und Steinkohlewerke gebaut, z.B. zwei neue Kraftwerksblöcke mit einer Gesamtleistung von 2,2 Gigawatt am Standort Neurath. Der fossile Sektor wird also weiter aufgewirtschaftet. Das angekündigte Klimaziel von 11t CO2 pro Jahr auf 2,71t CO2 geht lediglich in Richtung einer minimalen globalen Klima-Gerechtigkeit, da alle 7 Mrd. Menschen berücksichtigt werden sollen.

3) „soziale Wachstumsgrenze“ – hier gibt es Gewinner und Verlierer: in Ländern wie Brasilien oder Indien wird der westliche, digitale Lebensstil vom neuen Mittelstand kopiert, aber die Unterschicht z.B. in ländlichen Gebieten wird dafür der lebensnotwendigen Ressourcen beraubt. In Europa ist gigantischer Verbrauch von Ressourcen zu beobachten, der andere Länder förmlich „aussaugt“.

Eine Gerechtigkeit in der Einkommens- und Vermögensverteilung muss her.

4) (neu) „psychische Grenze“ oder „Konsumverstopfung“ – obwohl der sozialpolitischer Traum „Wohlstand für alle“ in Europa u. A. durch Lohndumping weitestgehend in Erfüllung gegangen ist,

– hat sich die Anzahl der Antidepressiva seit 2000 bis 2010 verdoppelt,

– ist die Verhinderung von Burnout vor allem der Führungskräfte die anerkannte Herausforderung der Betriebswirtschaft,

– leidet die Jugend an „digitaler Demenz“ und Rastlosigkeit vor allem durch Ereignisdichte, immer mehr Reize und Konsumoptionen.

Aber auch neurobiologisch ist es bewiesen, daß wir nicht mehr als 2 Erlebnisse (Konsum, Dienstleistung etc.) gleichzeitig so verarbeiten können, daß diese als Stimulus empfunden werden. Nach Abzug von Befriedigung der elementaren Bedürfnisse wie Schlaf etc. ist die „effektive Konsumzeit“ begrenzt -> es entstehen Zeitknappheit, Überforderung etc.

Konsumwachstum hat also auch keine positive Wirkung mehr auf uns, sondern Glück bzw. Zufriedenheit stagnieren bzw. verringern sich sogar laut Forschungsergebnissen. Der Sättigungspunkt ist also erreicht.

Die Frage „Warum spielen wir mit?“ kann damit beantwortet werden, daß wir damit die Absenkung in der sozialen Hierarchie vermeiden wollen. Wer die Codes, wie neues Smartphone bereits im Schulalter, nicht besitzt, ist ansonsten quasi „nicht anschlußfähig“.

Als Lösung bietet Herr Prof. Paech Postwachstumsökonomie, d.h. auch Stabilität gegen Konsumdiktatur, eine Art Emanzipation. Er empfiehlt vier Reduktionsprozesse einer modernen Gesellschaft:

 

  1. Schritt: „Suffizienz“ = Genügsamkeit, Selbstbegrenzung, auch Entschleunigung. Es bedeutet aber keinen Verzicht, sondern wenn man über dem Sättigungspunkt hinaus quasi unter der Lawine von allem begraben wird, kann das Gegenteil davon als Befreiung empfunden werden: Abwurf des Ballastes, Befreiung vom Überfluss und Rückkehr zu einem menschlichen Niveau.

Grundlage der Ökonomie (der Zeit) ist es, rational mit der Knappheit (der Zeit) umzugehen bzw. den Nutzen steigern.

Es bedeutet auch keine Konsum-Verteufelung, sondern Genuss und Konzentration, Wertsteigerung (wenn man davon ausgeht, daß Wert = wieviel Zeit wir einer Sache widmen).

  1. Schritt: „Subsistenz“ = Formen der Selbstversorgung

 

  1. Schritt: „Regionalökonomie“ = deglobalisierte Produktionsform mit kürzeren Distanzen zwischen Produktion und Verbrauch und Wertschöpfungsketten, z.B. Genossenschaften.
  2. Schritt: „Umbau der Industrie“ = regenerative Energien, aber in ökologischen Grenzen, im verkleinerten Umfang, da diese allein die Wachstumsprobleme nicht lösen können.

Die Produktion nach dem Rückbau mit Verbesserungen im kommerziellen Unternehmenssektor auf globaler (verschleißfestes Design, Modularität/Reparabilität, Effizienz etc.) und regionaler Ebene (Wartung/Optimierung, Güterrezyklierung, Sharing-Services, Regionalwährung etc.) unter Zunahme des entkommerzialisierten Sektors auf lokaler Ebene (Eigenproduktion, Nutzungsdauerverlängerung etc.) stellt am besten graphisch die Tabelle des Autors dar (z.B. unter

http://www.kompetenzzentrum-hannover.de/vortraege2013/2_Paech-2013_02_01-Hannover.pdf, Seite 14)

Die Folgen sind: die Abnahme der Kapitalintensität unter Zunahme der Arbeitsintensität.

Die erstrebenswerte Reduzierung der Erwerbsarbeit z.B. auf 20 Stunden unter Aufbau der „marktfreien Versorgungszeit“ z.B. auf 20 Stunden kann auch stufenweise erfolgen, gewünscht sind flexible Arbeitszeitmodelle, u.a. auch bereits eingeführte Kurzarbeit. Auf den späteren Kommentar eines Zuhörers hin muss Herr Prof. Paech verdeutlichen, daß es immer noch in der Eigenverantwortung liegt, wie jeder seine Zeit nutzt.

Mit der letzten Tabelle (s. Foto im Anhang) zeigte der Vortragende, wie der „Prosument“ bis zum Jahr 2050 eigene Ressourcen durch Nutzen der marktfreien Zeit, Aufbau der handwerklichen Kompetenzen und sozialen Netze entfaltet. Dabei entsteht „marktfreier Output“, d.h. dass Dinge selbst produziert, gemeinschaftlich und durch Reparieren auch lange genutzt werden. Gesundheit und Selbstwirksamkeit werden ebenfalls gefördert, z.B. durch die künstlerische und körperliche Aktivität. Dadurch wird der Gesundheitssektor entlastet, es entsteht mehr psychische Stabilität. Der „Prosument“ führt in so einer Welt ein Doppelleben. Die eine Seite funktioniert wie bisher + Nutzungsdauerverlängerung, auf der anderen Seite existiert ein neues Wertschöpfungssystem.

Es ist unbedingt wichtig, die entsprechenden Verhaltensweisen einzuüben. Man braucht sich nicht davon entmutigen zu lassen, daß alle Transformationen bekanntlich in den Nischen anfangen und vorerst kleine „Rettungsinseln“ bilden, denn letztere reproduzieren sich selbst.

 

Durch den Beitrag eines Zuhörers erfuhren wir, dass viele der angesprochenen Dinge in Darmstadt schon begonnen wurden. So gibt es ein Nähcafe, Repaircafes, Regionalgeld, „Transition-Town“-Bewegung, solidarische Landwirtschaft etc.

 

Auf Gegenargumente in der anschließenden Diskussion hatte Herr Prof. Paech Antworten parat, – z.B. „economies of scale“ funktionieren nur, wenn nicht alle Faktoren miteinbezogen wurden.

Generell kann man nicht, wie es üblich ist, den technologischen Fortschritt überbewerten, denn man darf die Schicksale der Menschen nicht von den zukünftigen noch nicht funktionierenden Technologien abhängig machen. Die Massenproduktion funktioniert nur, weil die wahren Produktionskosten nicht einbezogen werden. Der Konflikt zwischen Industrie und Landwirtschaft muss gelöst werden.

Das Modell von Prof. Paech ist gerade für Entwicklungsländer akut, denn überall wird man bald landwirtschaftliche Flächen für zukünftig rund 8,5 Mrd. Menschen brauchen, und es muss nicht nur Bildungselite sein, die dies begreift.

Auch das Geldproblem auf Makroebene muss gelöst werden, dafür findet der Referent das Modell des „Vollgeldeshilfreich, bei dem nur noch die Zentralbank die Legitimation hat, das Geld zu erhöhen. Um die Girokonten zu sichern, sollte das Vollgeld auch auf diese Ebene gehoben werden. Mehr dazu kann man aus Publikationen von Joseph Huber und Hans Christoph Binswanger erfahren.

 

Die Politiker brauchen Menschen, die alternative Formen leben, auf die sie dann zugreifen können. Der Äußerung des Referenten, daß sich die politischen Parteien zu sehr auf den Wählerfang konzentrieren und solche konträre Ideen meist nicht wagen, stellten wir jedoch unsere beständige politische Arbeit seit 2001 entgegen. Im Sinne der Vernetzung der Gleichgesinnten und Bündelung der Kräfte in Verbreitung und Durchsetzung der alternativen, nachhaltigen Lebensweise freuen wir uns immer auf die Zusammenarbeit. Die Violette „Rettungsinsel“ bleibt für alle offen.

 

Katja Zeidler1601245_736323099722518_8139073479536442623_n

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