Alter Wein in neuen Schläuchen

Eigentlich ist die Welt einfach zu verstehen, wenn man ein wenig Psychologie benutzt. Die beiden Weltkriege haben viele traumatisierte Menschen hinterlassen, die ihr Trauma teilweise an die folgende Generation weitergegeben haben. Zentrum dieser Traumatas: Die Angst, dass es wieder so kommen könnte, die Angst, dass etwas nicht funktioniert, was den sicheren Tod bedeutet. Die Angst vor Verrat, der die Gemeinschaft bedroht.

Also wird eine heile Welt geschaffen – im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Geräte des Alltags müssen ‚heile‘ sein, auf dem neuesten Stand, funktionstüchtig ohne Makel. Jeder bewahrt eine ganze Batterie an Geräten auf, auch wenn er sie nur einmal im Jahr braucht. Auch Gemüse und Obst darf keinen Makel haben. Es würde an die Armut des Krieges erinnern und das Trauma heraufbeschwören. Das Sinnlose daran: Gesundes, nicht gespritztes Gemüse und Obst erkennt man daran, dass es Makel hat. Und die Maschinen funktionieren nicht mehr so gut, ihre Haltbarkeitsdauer hat sich von durchschnittlich 20 Jahren auf 7 Jahre verkürzt.

Daran ist nicht der Kapitalismus Schuld oder Menschen, die Böses planen. Der Kapitalismus ist eine Folge der Kriegstraumata. Und Traumas beendet man nicht, indem man eine heile Welt der Ordnung schafft, in der jeder Handgriff definiert ist, sondern indem man dem anderen seine Wahrheit lässt und ihn ernst nimmt in seinem Schmerz und in seiner Angst. Besonders wenn er in Verhältnissen lebt, in denen ein Jobverlust ein existentielles Aus bedeutet.

Ansonsten schafft man neue Traumata. Und diese äußern sich schließlich im Entstehen von Faschismus, weil den Menschen dies als letzter Ausweg erscheint, dass auch sie in ihren Bedürfnissen ernst genommen werden.  Innerlich weiß jeder Mensch, dass die Gefahr von neuen Kriegen und neuen Traumas führt. Aber wenn seine Lage ausweglos erscheint ist er bereit, dieses Risiko einzugehen.

Jetzt stellen sich beide großen Volksgruppen gegen Faschismus. Die Sozialliberalen sagen, dass man dem Faschismus am besten begegnet, indem man Armut lindert. Und die Konservativen sagen, dass man Faschismus am besten vorbeugt, indem man nicht zu viele soziale Geschenke macht und stattdessen Recht  und Ordnung schafft, um den Faschisten das Wasser abzugraben. Und was passiert: Es entsteht trotzdem neuer Faschismus.

Weil diese beiden Gruppen in Wirklichkeit nicht Faschismus bekämpfen, sondern ihre eigenen Interessen bedienen. Sie mögen sogar glauben, dass sie damit Extremismus das Wasser abgraben, doch gerade durch die Vehemenz, mit dem sie diesen Glauben durchfechten, hären sie der anderen Seite nicht mehr zu. Dies ist die eigentliche Ursache des Faschismus. SPD wie CDU profitieren von der Aufwiegelung verschiedener Bevölkerungsteile wie einst in der Weimarer Republik. Dies ist auch der Grund, warum man einen G20 Gipfel nach Hamburg legt – eine Stadt von der man weiß, dass sie autonome Gruppen damit provozieren zu protestieren. So hat man wieder neue Schuldige, mit denen man von der Ratlosigkeit der eigenen Politik ablenken kann.

Wirtschaftliche Interessen lassen sich dann am einfachsten durchsetzen, wenn kein wirkliches Diskursfeld mehr besteht.  Im neoliberalen, kapitalistischen System geschieht die Provokation verdeckt und unter dem Mäntelchen des Humanismus, so dass sie kaum erkennbar ist. Man zerstört die Märkte der Konkurrenten und predigt gleichzeitig ein achtsames Miteinander. Und hiermit sind wir wieder beim Anfang. Traumatisierte Menschen haben nie gelernt, ihre Bedürfnisse direkt auszusprechen. Sie haben nichts anderes gelernt,  als indirekt zum Ziel zu kommen. Sie belauern sich gegenseitig voller Misstrauen und rechnen jederzeit mit dem Zusammenbruch ihrer heilen Welt, weil sie innerlich spüren, dass sie auf einer labilen Basis beruht.

Manager stopfen sich die Taschen so voll es geht und der Mittelstand ahmt diese Handlungsweise nach. Piketty wies nach, dass Kriege immer nach extremen Verschiebungen des Wohlstands stattfanden. Doch wird er nicht ernst genommen. Von wem auch? Die sozialliberalen sind damit beschäftigt, keine Arbeitsplätze zu verlieren, die sie nur in der Unterwerfung an die Industrie zu erhalten glauben. Und die Konservativen  glauben per se nicht an Theorien, die an dem Verhalten der Eliten kratzen. Außer Sarah Wagenknecht fischen also alle im seichten Gewässer, wenn man das so salopp sagen kann.

Doch auch sie hat leider keine neuen Ansätze, sondern nur die alte Idee der Revolution, die auch nie funktioniert hat. Wirklich ändern könnte die Welt nur etwas, das den Menschen die Angst vor dem Überleben nimmt und sie trotzdem ‚bei Wettbewerbslaune‘ hält. Oder muss der Mensch gar nicht angetrieben werden? Handelt er am Ende gar von alleine konstruktiv, wenn er einmal den Grundzustand des Traumas verlassen hat, den die kriegerische Auseinandersetzung in den letzten 7000 Jahren der Sesshaftigkeit hervorgebracht hat.

Eigentlich besteht kein Grund zu weiterer Auseinandersetzung mehr. Die Claims sind verteilt, die Technik macht es möglich, dass jeder Mensch ein bescheidenes aber sicheres Dasein führen kann. Es sind die alten Verhaltensmuster, die immer noch im Überlebensmuster handeln. Und die übertriebe Reaktionen hervorbringen. Nicht nur bei ISIS, Erdogan, Trump, Kaczyinski, Le Pen und Wilders, sondern auch bei denen, die ihr Erscheinen dazu nutzen, Institutionen mit totalen Kontrollmöglichkeiten zu errichten.

Denn ansonsten leben wir in einem freiheitlichen Gefängnis. Der Ausweg daraus ist das Lenken der Aufmerksamkeit auf produktive und sinnvolle Dinge. Das Schaffen von Alternativen im persönlichen Kreis, Mitmenschlichkeit, spirituelle Offenheit, vegetarische Ernährung, das Vermindern des Druckes auf die Kinder, die in Krisenzeiten am meisten leiden und für die keine Zeit da ist. Es ist nicht ‚das Parteiensystem‘ Schuld, dass wir das politisch nicht umgesetzt bekommen. Es ist so, dass Menschen Zeit brauchen, um sich mit Änderungen abzufinden und einen persönlichen Weg sehen, den sie mit Überzeugung gehen können. Gibt es diesen Weg überhaupt? Wir Violetten sagen klar ja.

Das Modell des Neoliberalismus ist ein Auslaufmodell, auch wenn ihm die Grünen folgen. Druck und Zwang funktionieren nicht mehr, die Menschen sind bis zur Grenze ausgepresst und erschöpft. Es braucht neue Freiheiten und Selbstbestimmung auf lokaler Ebene. Nicht die neoliberale Freiheit, die die FDP für ihr Unternehmerklientel fordert, sondern die demokratische Freiheit der subsidiären Selbstbestimmung, so dass Probleme nur dann auf ‚höheren Ebenen‘ gelöst werden, wenn sie auf lokaler Ebene nicht bewältigt werden können.

Andreas Bleeck

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