Alles nur ein falsches Spiel? Ein Buch-Vergleich

Es gibt immer wieder gesellschaftskritische Sachbücher, die eine breite Leserschaft finden. Grund genug für uns, sich im Sinne der eigenen Bewusstseinsbildung damit inhaltlich auseinanderzusetzen. Im Frühjahr 2013 erschien das Buch „EGO – Das Spiel des Lebens“, verfasst von Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ. Wenn so ein Mann ein ganzes Buch schreibt, um aktuelle und vergangene gesellschaftliche Prozesse kritisch zu reflektieren, dann erhält das sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit.

Ego Das Spiel des Lebens

Gerechtfertigt? Das ist die Frage, der bereits zahlreiche Rezensenten und Kritiker nachgegangen sind.

Der Titel des Buches klingt so, als wenn Frank Schirrmacher sein Thema sehr lebensnah am SEIN orientiert geschrieben hat. Und tatsächlich formuliert er eine sehr berechtigte Kritik an den Auswirkungen des oft gescholtenen Neoliberalismus, der als politische Ausrichtung weltweit die bürgerliche Politik der kapitalistischen Staaten, ausgehend von Großbritannien der frühen 80er Jahre mit Margaret Thatcher, sowie den USA mit Ronald Reagan als Leitfiguren bestimmt hat. In Deutschland war das Aufkommen des Neoliberalismus mit den Namen Helmut Kohl und Otto Graf Lambsdorff verbunden, dessen Thesenpapier maßgeblich die Wende hin zur Marktradikalität und Deregulierung geöffnet hatte.

Schirrmacher zeichnet Entwicklungen und deren Verbindungen vor allem in den USA und an der Wallstreet nach, so wie er sie versteht und in seine Vorstellungen von den Strukturen und menschlichen Handlungsweisen einordnen kann. Stellt er dabei ein richtiges Bild der Realität dar, vor allem was die kausalen Zusammenhänge betrifft?

Vergleich macht klug. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach auf zwei bereits existierende, sehr aussagekräftige Artikel hinweisen, die uns dazu einen Eindruck vermitteln können. Diese stammen von den Autoren Andreas Bleeck (mit spiritueller, antroposophischer und politischer Sicht) und Claus Peter Ortlieb (mit naturwissenschaftlichem, mathematischem und philosophischem Hintergrund).

Beide Autoren greifen z.B. Schirrmachers zentrales Argument, den Bezug zur Spieltheorie (mehr) auf und beantworten die Fragen sehr anschaulich, aber auf ganz anderer Ebene. Das macht den Vergleich nicht nur spannender als vielleicht das Buch selbst, sondern vermittelt auch einen Blick auf das Bewusstsein und die Wahrnehmung derer, die die Thesen in diesem Buch vielleicht mangels Vergleichsmöglichkeit undifferenziert für bare Münze nehmen.

Aber der Reihe nach. Zunächst der Autor Andreas Bleeck. In seinem Artikel »Replik auf Frank Schirrmachers Buch „Ego“« (hier) beleuchtet er den Status des Autors Frank Schirrmachers innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und lässt keinen Zweifel daran, dass dessen Sichtweise unmittelbar etwas mit dieser Stellung zu tun hat. Er zieht die Verbindung zu Technik und Arbeitswelt und dem Versuch, deren komplexer Eigenlogik mit der Spieltheorie zu beschreiben. Zu den Protagonisten dieser Eigenlogik gehöre Schirrmacher jedoch selbst, so dass der Vorwurf gegen die USA auf der Ebene der Alltagspolitik fragwürdig adressiert sei. Das Ausgeliefertsein gegen eine Übermacht ist ein unangenehmes Gefühl der Fremdbestimmtheit, dem Schirrmacher Ausdruck verleihe. Dem könne man zumindest andere Werte und Alternativen entgegensetzen in Form von Kooperation, Selbstbestimmung und ein BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen).

Dead Men Walking

Der Autor Claus Peter Ortlieb geht das Thema in seinem Artikel »Wir Untoten« anders an (hier). Auch er beginnt mit einer Einordnung Schirrmachers in den Gesamtkontext der bürgerlichen Gesellschaft, zeigt dann jedoch auf, warum dessen Perspektive auf einem Mangel an Grundlagen der jüngeren Philosophiegeschichte der Nachkriegsjahrzehnte basiert, vor allem an der Aufarbeitung der Geschichte durch die so genannte „Frankfurter Schule“. In offensichtlicher Unkenntnis dieser Diskurse erzähle Schirrmacher seine Geschichte dessen, was da vor sich gegangen sei. Anschließend nimmt Ortlieb systematisch die Argumente hinsichtlich ihrer Tauglichkeit auseinander. Dabei wird deutlich, dass die Anwendung der Spieltheorie nicht greift, weil die dafür notwendigen Grundbedingungen nicht erfüllt sind. Ortlieb kennzeichnet vielmehr den Neoliberalismus als Reaktion auf die Krise des weltweiten Kapitalismus seit den 1970er Jahren und bringt die kausalen Abläufe wieder in eine plausible Reihenfolge. Schließlich zieht er selbst zum Vergleich das ebenfalls gerade veröffentlichte Buch „Dead Men Walking – Die schöne neue Welt der Toten Arbeit“ (Peter Fleming / Carl Cederström) hinzu, welches einen Hinweis auf die wirklichen Ursachen der Krise vermittelt, die Schirrmacher leider völlig ausblendet. Dessen oben erwähnter Mangel an kritischer Reflexion und verkürzten Verständnis des Kapitalismus, führe ihn leider letztlich auf eine falsche Fährte.

Fazit: Auch wenn die Kritik von Frank Schirrmacher an den Oberflächenphänomenen des Neoliberalismus natürlich völlig berechtigt ist, so verkennt er die systemisch bedingten Zusammenhänge in den Abläufen, also das WARUM. Stattdessen formuliert er nur Schuldzuweisungen an ausgewählte Handlungsgruppen. Dieses Schema kleinbürgerlicher Wahrnehmung ist uns bestens bekannt und zählt zu den unzähligen Versuchen, die fundamentale Gesamtkrise des Kapitalismus ideologisch irgendwie systemimmanent zu verarbeiten. Schuld seien immer nur ausgewählte Protagonisten – der Kapitalismus als solcher jedoch ist und bleibt unantastbar und sowieso ewig bestehen. Darin ist sich ein Frank Schirrmacher selbst mit den Vertretern des Neoliberalismus einig.

Holger Roloff (LV Hamburg), 18.April 2013

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